“Nicht Zukunft, sondern gegenwärtiger Alltag”
Multimedia Storytelling ist in den vergangenen Jahre ein immer beliebteres Medium für Fotografen geworden. Im Jahr 2009 gründeten die Hannoveraner Fotografie-Studierenden Anna Jockisch, Shooresh Fezoni, Daniel Nauck und Michael Hauri die Produktionsfirma 2470media, die sich auf Webreportagen spezialisiert hat.

Fotos: Jannis Keil und Lukas Kawa / 2470media
fotostudenten.de: Wer gehört momentan zum Team 2470media?
Michael Hauri: Wir kooperieren permanent mit Freelancern, dazu gehören auch viele Studenten der FH Hannover. Es gibt einen Stamm von 5-6 Leuten, die regelmässig ins Büro kommen und mit denen wir projektbezogen, teilweise für 4-6 Monate, zusammenarbeiten.
fotostudenten.de: Was war und ist Eure Intention?
Michael Hauri: Wir haben irgendwann mal etwas pathetisch formuliert, dass wir den klassischen Fotojournalismus ins 21. Jahrhundert transformieren wollen. Tatsächlich war und ist unser Ziel, eine adäquate Form zu finden, wie man mit qualitativ hochwertiger Fotografie weiterhin Geschichten erzählen und diese an die neuen medialen Gegebenheiten anpassen kann.
fotostudenten.de: Seid Ihr diesen Weg auch gegangen um unabhängiger Publizieren zu können?
Michael Hauri: Auf jeden Fall! Das gehört dazu. Wir sind nicht nur eine Produktionsfirma für Webreportagen, sondern auch eine Publikationsplattform und eine Entwicklungsredaktion.
fotostudenten.de: Gibt es eine vergleichbare Institution wie 2470media in Deutschland?
Michael Hauri: Nein, meines Wissens bislang nicht.
fotostudenten.de: Glaubst Du, dass das Multimedia Storytelling eine Zukunftsperspektive für junge Fotojournalisten darstellt?
Michael Hauri: Da bin ich mir absolut sicher. Als Fotograf bekommst du durch das multimediale Geschichtenerzählen eine Ausdrucksstärke, die Du mit der Fotografie allein oft nicht hast. Man kann zudem einen Grad an Unabhängigkeit erreichen, dadurch das die Technik erschwinglich geworden ist und Publizieren im Netz nichts oder nur wenig kostet. Das war vor zehn, fünfzehn Jahren einfach undenkbar. Wir befinden uns also in einer phantastischen Situation und diese Euphorie geht von uns jungen Fotografen aus!
fotostudenten.de: Könnt Ihr von jetzt schon von Eurer Arbeit leben und glaubst Du, dass in Zukunft noch mehr Gelder dafür mobilisiert werden können?
Michael Hauri: Ja, das können wir. Und wir müssen es auch, weil wir uns irgendwann mal entschieden haben, alles auf eine Karte zu setzen. Für uns ist Multimedia-Journalismus nicht Zukunft, sondern gegenwärtiger Alltag. Wir stellen auch immer wieder fest, dass sich alternative Formate und Erzählweisen immer größerer Beliebtheit erfreuen und sich das auch auf die Budgets positiv auswirkt.
fotostudenten.de: Ihr arbeitet auch im Werbe- und Corporate Bereich für Unternehmen. Wie ist das Verhältnis von freien, journalistischen Projekten und Auftragsarbeiten für die Wirtschaft?
Michael Hauri: Wir machen keine Werbung, sondern bleiben immer beim authentischen Geschichtenerzählen, auch bei PR-Projekten. So reisen wir etwa diesen Sommer im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung nach Brasilien, Vietnam, Indonesien und in die Mongolei, um dort verschiedene Forschungsprojekte zum Thema Wasserressourcen-Management zu dokumentieren. Auch dort geht es darum, mit starken Bildern und O-Tönen eine einprägsame Geschichte zu erzählen und diese Projekte bekannter zu machen. Grundsätzlich versuchen wir, eine gesunde Balance zu finden zwischen Liebhaberprojekten, die wir zum Bespiel durch Stipendien finanzieren, und Corporate-Jobs, die unsere Bilanz aufbessern.
fotostudenten.de: Hast du generell das Gefühl, dass sich immer mehr Unternehmen für Multimediareportagen als PR-Mittel interessieren?
Michael Hauri: Ja, das entscheidende Stichwort ist: Storytelling.Wir befinden uns im Zeitalter des Web 2.0, wo jeder partizipieren möchte und Kommunikationsabteilungen auf einmal neue Kanäle bespielen müssen, für die es noch sehr wenig Erfahrungswerte gibt. Da kommen diejenigen Geschichten am besten an, die authentisch erzählt sind und einen realistischen Einblick in ein Unternehmen oder eine NGO vermitteln.
fotostudenten.de: Ihr beschäftigt ja auch regelmässig Praktikanten. Wie bewirbt man sich bei Euch?
Michael Hauri: Das Praktikum bei uns dauert ein halbes Jahr und bewerben kann man sich direkt bei mir. Wir sind sehr interessiert an jungen Fotojournalistinnen und –journalisten, die gut im Team arbeiten können und bereit sind ihren Horizont zu erweitern. Denn die Fotografie spielt natürlich eine wichtige Rolle in unserem Produktionsalltag, aber sie ist letzten Endes nur Mittel zum Zweck – dem Geschichtenerzählen. Deshalb braucht ein Multimedia-Journalist gute Kenntnisse aller Arbeitsschritte, von der Recherche bis zum Schnitt.
fotostudenten.de: Gibt es etwas, was Du noch sagen möchtest?
Michael Hauri: Es ist mir eine Herzensangelegenheit auf das Crowdfunding für unsere Serie „berlinfolgen“ hinzuweisen. Das ist ein journalistisches Projekt, welches als kleines Übungsprojekt anfing und mittlerweile im Netz nicht nur über 700.000 mal angeschaut wurde, sondern auch für den Grimme Online Award nominiert ist. Jede Woche veröffentlichen wir eine spannende Geschichte aus Berlin, am Ende soll ein audiovisuelles Mosaik der Stadt entstehen – mit 100 Folgen. Alle bisherigen Geschichten wurden von Fotostudenten aus Hannover fotografiert. Das Projekt ist sehr aufwendig, wir verdienen aber nicht viel Geld damit.Deshalb bitten wir unsere Zuschauer um Unterstützung, damit wir die Serie fortsetzen können. Dafür bekommen sie aber auch etwas, zum Beispiel einen hochwertigen Print aus der Serie oder einen Workshop, je nach Betrag, mit dem sie das Projekt unterstützen. Es fehlt nicht mehr viel, aber wenn wir das notwendige Budget nicht zusammen bekommen, wird das Projekt bereits in ein paar Wochen zu Ende sein. Das wäre wirklich schade!
Im kommenden Wintersemester 2012/2013 übernimmt Michael Hauri an der FH Hannover neben Nicole Strasser einen Lehrauftrag für Online-Reportage.
erschienen auf: http://www.fotostudenten.de/index.php?id=7&L=0#news681